Desinformation im Internet

CHANCEN UND HERAUSFORDERUNGEN DER DIGITALISIERUNG FÜR DIE POLITISCHE BILDUNG

Autor_in:
Daphné Cetta​​​​​​​

Autor_in:
Jürgen Menthe

Autor_in:
Marc Partetzke

Autor_in:
Stefan Steiger

Autor_in:
Sylvia Jaki

Autor_in:
Tina Otten

Autor_in:
Wolf Schünemann

Transkript des Videos

1 - Daphné Cetta

Das Internet ist ein wichtiger Informationsraum geworden, den wir ganz alltäglich nutzen. Und auch die Menge an verfügbaren Informationen wächst kontinuierlich, was auch daran liegt, dass wir nicht mehr nur lediglich Konsumenten von Informationen werden, sondern auch Produzenten von Informationen werden können. Und diese Entwicklung hat einen sehr großen Mehrwert, wenn wir beispielsweise an die Wikipedia denken. Das ist ein sehr prominentes Beispiel.

Aber es gibt auch eine Kehrseite, nämlich dass Informationen ungeprüft und eigentlich nicht bewertet ins Internet kommen und beispielsweise über soziale Netzwerke auch geteilt werden, was die Informationsbewertung natürlich erschwert. Man beobachtet, dass vor allem kontroverse oder polarisierende Beiträge immer öfter geteilt oder auch geklickt werden, was dann die Relevanz in den Suchmaschinen-Rankings beeinflusst.

In Anbetracht dieser Entwicklung ist die Kompetenz, die wir als Informationskompetenz beschreiben – also die Fähigkeit, Informationen zu finden, zu suchen und diese wiederum auf ihre Relevanz und ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und mit ihnen auch verantwortungsvoll umzugehen – von großer Bedeutung. Informationskompetenz befähigt dazu, Informationen kritisch und reflektiert zu bewerten und auch in einen Kontext zu setzen. Diese Fähigkeiten sind besonders im Zuge der Meinungsbildung und auch des Diskurses und vor allem für demokratische Gesellschaften von besonderer Bedeutung.

2 - Sylvia Jaki

Gute Wissenschaftskommunikation im Netz zeichnet sich natürlich auch durch die Qualitätsfaktoren aus, die andere gute Wissenschaftskommunikation ausmachen. Aber gerade im Netz sind natürlich bestimmte Faktoren nochmal ganz wichtig.

Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass man auch klarmacht: Was kann Wissenschaft überhaupt leisten? Das ist vielen Leuten nicht klar und das zeigt sich auch jetzt gerade in der Corona-Krise wieder. Man muss zeigen, dass wissenschaftlicher Fortschritt etwas ist, das am Ende eines Prozesses steht. Also, dass man explorative Studien braucht, die dann womöglich auch noch mal verbessert werden müssen. Dass gerade auch der wissenschaftliche Dialog, der Austausch von verschiedenen Dialogpositionen ganz wichtig ist. Wissenschaftlicher Streit ist etwas ganz Normales und wichtig für die Wissenschaft. Das muss man auch zeigen. Es wird häufig gesagt: „Die Wissenschaftler, die können sich doch gar nicht entscheiden“. Es geht aber eigentlich nicht ums Entscheiden. Das ist ein ganz normaler Prozess.

Das müssen wir vermitteln und das wird häufig gerade im Wissenschaftsjournalismus nicht genügend vermittelt. Da versucht man so ein bisschen, eine Berichterstattung zu finden, die in sich abgeschlossen ist. Aber gerade so dieser zweifelnde Moment ist besonders wichtig für die Wissenschaft und eigentlich ein Qualitätskriterium. Und das müssen wir den Leuten auch vermitteln.

Gute Wissenschaftskommunikation zeichnet sich definitiv auch dadurch aus, dass sie adressatenorientiert ist. Das klingt natürlich jetzt relativ banal, aber Wissenschaftskommunikation muss verständlich sein. Wichtig ist, dass wir nicht ein Bild von der Wissenschaft im Elfenbeinturm zeichnen: „Die machen ganz große Sachen und das versteht ihr eigentlich nicht so richtig. Lasst die mal machen und dann kommt was Großartiges dabei raus.“ Und gerade diese Tendenz sieht man auch, dass jetzt sehr stark begriffen wird: Wir müssen den Leuten wirklich erklären, was wir machen.

3 - Marc Partetzke

Ich habe hier so ein Stichwort an die Tafel gemalt: Digitale Mündigkeit. Im Grunde genommen kann man sagen, in der politischen Bildung, wie in jedem Unterrichtsfach, ist eigentlich das Megaziel die Mündigkeit. Also, im Sinne von Kant, die Fähigkeit, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Und das wird dann jeweils fachspezifisch attribuiert. Also in unserem Fall politische Mündigkeit, also in der Lage zu sein, sich Informationen zu besorgen, politische Sachverhalte, Probleme, Konflikte, Fragestellungen zu analysieren. Und aufbauend auf dieser Analyse – so ist die Idealvorstellung – sich ein eigenes Urteil zu bilden und auf Grundlage dieses Urteils – also meistens wird da mit Max Weber gearbeitet (Sach- und Werturteil) – dann zu überlegen: Will ich eigentlich handeln? Und wenn ja, wie soll das Handeln aussehen?

Wenn ich eine Information bekomme, sollte ich eigentlich immer prüfen: Wo kommt die eigentlich her? Wer ist da Urheber? Wer steht da möglicherweise dahinter, also wer finanziert beispielsweise eine bestimmte Plattform oder ein bestimmtes Medium? Mir sollte klar sein: Das ist vielleicht erstmal eine legitime Perspektive auf die Welt. Vielleicht auch nicht, aber um das überhaupt rauszufinden, muss ich es immer verschneiden mit anderen Medien. Also gucken: Was wird mir eigentlich noch angeboten? Also, dass sozusagen bestimmte Standards und bestimmte Kriterien „abgeklopft“ werden.

4 - Jürgen Menthe

Auf der individuellen Ebene ist es wichtig, dass wir die Lernenden befähigen, Informationen richtig einzuschätzen. Also grundsätzlich Informationen kritisch zu hinterfragen, die Vertrauenswürdigkeit von Medien jedweder Art auch einschätzen zu können und vor allem, dass sie selbst auch achtsam mit der Informationsweitergabe sind – also sich selbst nicht zu Täter_innen im Internet machen.

Hier setzt ein weiteres zentrales Bildungsziel an, nämlich die Bewertungskompetenz. Schüler_innen benötigen Grundkenntnisse der Entscheidungspsychologie. Konkret das Wissen um unsere Anfälligkeit für Desinformation, die genau unsere Vorurteile bestätigt – das glauben wir am liebsten.

Fortschritte in Algorithmen und KI erschweren es, auf der individuellen Ebene langfristig Oberwasser zu behalten. Vielleicht ist das auch jetzt schon teilweise unmöglich. Deshalb muss die Schule auch die zweite Ebene ansprechen und es muss diskutiert werden, welche gesetzlichen Regeln wollen wir vielleicht diesem Rahmen auch geben, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Die großen Monopole und Datensammler – Amazon, Google, YouTube, Facebook und WhatsApp – die könnten reglementiert werden. Das ist kein Naturgesetz, dass die machen, was sie wollen. Bestimmte Geschäftspraktiken könnten verboten werden. Darüber muss diskutiert werden – auch in der Schule. Die Zerschlagung solcher Konzerne kann erwogen werden. Das passiert im Übrigen gerade, wie gestern in den Nachrichten zu sehen war. Während Kartellbehörden sonst solche Marktmacht-Konstellationen längst verboten hätten, ist das im Internet immer noch relativ viel „Wild West“.

Es könnten zudem – und das ist vielleicht der entscheidende Punkt, wo Schule auch zu beitragen könnte – demokratische, nicht profitorientierte, europäische Lösungen entwickelt werden, die auch entsprechenden Standards, die wir hierzulande haben – Datenschutz, sowas wie Pressegesetzgebung, öffentlich-rechtliche Kontrolle – die solchen Standards genügen. Und auch dazu kann Schule einen Anstoß geben.

5 - Wolf Schünemann

Meiner Ansicht nach – und diese Ansicht ist natürlich durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit digitalpolitischen Fragen gespeist und informiert – sollte Desinformation möglichst wenig politisch reguliert werden. Aus meiner Sicht fällt es nicht in den legitimen Zuständigkeitsbereich einer demokratischen Regierung oder staatlichen Behörde, über wahre oder falsche Informationen zu entscheiden.

Meinungsfreiheit ist dazu gedacht, die freie Rede vor politischen Eingriffen zu schützen – nicht umgekehrt. Sie ist nicht dazu gedacht, den politischen Prozess vor der freien Rede zu bewahren. Die Demokratie muss kontinuierlich gerüstet sein/werden, sich gegenüber ihren Feinden zu verteidigen. Und hier ist dann insbesondere der Rechtsstaat gefordert und seine Institutionen, die vor allem dem Schutz der demokratischen Grundrechte dienen sollen.

Bei dieser Aufgabe stößt das Recht – insbesondere beim Thema Desinformation – aber auch an engere Grenzen. Bezüglich etwa der Frage strafrechtlicher Relevanz ist es schwierig bis unmöglich, Straftatbestände festzuhalten, klar zu definieren und sie dann auch effektiv zu sanktionieren. Dies scheint insgesamt noch weit schwieriger, als es bei der Bekämpfung von Hassrede und Hetze der Fall ist.

Nach diesen Ausführungen muss sich der Blick bei der Beantwortung der Wer-Frage – also wer kann und sollte Desinformation regulieren – auf uns selbst richten: Wir. Es geht zum einen um Selbstregulierung, was unsere eigenen verbreiteten/weitergeleiteten Inhalte angeht und es geht um gesellschaftliche Regulierung. Wie in vielen Fragen der Digitalisierung, sollten wir auch hier also über die Entwicklung sozialer Normen nachdenken und über ihre effektive Durchsetzung. Am Schluss sind also wir alle gefragt und auch hierfür brauchen wir eine solide politische Medienbildung.