Alles nur fauler Clicktivism?

Was zur Teilnahme an politischen Protesten im Netz und auf der Straße motiviert

Was zur Teilnahme an politischen Protesten im Netz und auf der Straße motiviert

Infolge der unaufhörlich voranschreitenden Digitalisierung prägt das Internet inzwischen zahlreiche Bereiche unseres Lebens. So auch die politische Protestpartizipation. Egal zu welchem Thema und Anliegen: Vielfältige Möglichkeiten des Internets gestalten gegenwärtigen Protest intensiv mit – von der Informationsbeschaffung über die Vernetzung untereinander oder die Mobilisierung für konkrete Protestaktionen bis hin zu Protestformen, die ausschließlich im Netz stattfinden (zum Beispiel Hacktivism).

Welche Vor- und Nachteile das mit sich bringt, untersuchen und diskutieren Wissenschaftler_innen schon seit der rasanten Verbreitung digitaler Medien ab 2003. Einige von ihnen behaupten, Online-Aktivismus mache uns faul. Mit den Begriffen Clicktivism oder Slacktivism (ins Deutsche etwa übersetzbar mit „Faulenzer-Aktivismus“) wird Online-Aktivismus oft pauschal abgewertet. Doch wie fundiert sind solche Vorwürfe eigentlich?

Engagement für Faule?

In der Debatte zu diesem Thema äußern kritische Stimmen die Sorge, verschiedene Formen von Online-Aktivismus seien eine zu einfache und zu unverbindliche Art der Partizipation.[1] Befürchtet wird, dass sich Partizipation eben wegen dieser Einfachheit auf niedrigschwellige Formen reduzieren könnte. Doch die Vermutung, dass Bürger_innen sich nicht mehr außerhalb des Internets einbringen, sondern nur noch vom Sofa aus, basiert mehr auf theoretischen Annahmen, als dass sie in der Empirie fundiert untersucht worden wäre.

Netz-Optimist_innen fordern wiederum, bei der Einschätzung der Wirksamkeit von Online-Aktivismus beispielsweise zwischen dem Unterzeichnen und dem Erstellen von Online-Petitionen zu unterscheiden. Denn das Unterschreiben und die damit verbundene Hinterlegung einer E-Mail-Adresse seien oft bloß ein erster Schritt, der später zu mehr Engagement führen könne – so das Argument der Gegenseite. Verschiedene Formen von Online-Aktivismus müssten je nach Aufwand differenzierter betrachtet werden und ließen sich nicht pauschal als „zu einfach“ abwerten.

Einzelne Studien haben bereits das Zusammenwirken von Online- und Offline-Aktivismus untersucht[2] – dies jedoch fast immer mit einem Fokus auf der Perspektive von Organisationen, beispielsweise auf der Frage nach der Rolle von digitalen Medien für die Mobilisierung. Indes mangelt es an empirischen Untersuchungen, die den Fokus auf die Bürger_innen selbst legen Diese Lücke wurde im Rahmen einer Doktorarbeit mit einer qualitativen Interviewstudie geschlossen. Der vorliegende Artikel greift die Ergebnisse dieser Studie auf. Mit Fokus auf 18 Bürger_innen soll fallspezifisch und empirisch der Zusammenhang von Straße und Netz beleuchtet und dieses Zusammenwirken in seiner Gesamtheit betrachtet werden.

Einschätzungen zur Wirksamkeit von Straßen- und Netz-Protest

Viele in Protestaktionen engagierte Menschen vertreten ein Bürgerschaftsverständnis, das Engagement als Pflicht ansieht. Ein Pflichtverständnis für konventionelle Formen wie die Wahlbeteiligung überträgt sich oft auch auf andere Bereiche und (unkonventionellere) Formen der Partizipation.

Bei der Entscheidung, welche Praktiken schlussendlich online und/oder offline ausgeübt werden, spielt insbesondere die Ausprägung des Vertrauens in Politik und in Mitbürger_innen eine große Rolle. Geringes Vertrauen in Politiker_innen führt häufig zur Suche nach alternativen Einflussmöglichkeiten, die dann meist online zu finden sind. Alleine die regelmäßige Wahl politischer Vertreter_innen, um die eigenen Interessen durchzusetzen, wird nicht als ausreichend empfunden, da nur ein geringes Vertrauen besteht, dass tatsächlich gemeinwohlorientiert und am Wähler_innenwillen orientiert gehandelt wird. Bei Online-Partizipation können klassische Einflusswege und -strukturen wie gewählte Vertreter_innen oder klassische Massenmedien als sogenannte Gate Keeper jedoch umgangen werden. Themen und Anliegen können selbst platziert werden. Ein hohes Vertrauen in Mitbürger_innen führt wiederum zur Forderung nach mehr direkt-demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten, zum Beispiel Online-Petitionen oder Volksentscheide.

Die tatsächliche Wirkung einzelner Praktiken ist für viele jedoch zweitrangig; eine geringe Einschätzung der Wirkung hält nicht von Engagement ab. Den Engagierten ist wichtig, mit sich selbst im Reinen zu sein – und dafür genügt es manchmal, es zumindest versucht zu haben.[3] Diese Einstellung bezieht sich sowohl auf die Teilnahme an Straßendemos und anderen Formen von Offline-Protest als auch auf das Unterschreiben von Online-Petitionen und anderen Online-Aktivismus. Die Gewissheit, im Namen und Interesse nachfolgender Generationen gehandelt zu haben und sich später keine Vorwürfe machen zu müssen, löst bei vielen bereits Zufriedenheit aus.

Grundsätzlich wird der Straße die größere Wirkung als dem Netz zugeschrieben – zum Beispiel, weil Bilder von Straßenprotesten es häufiger als Netzaktivismus in die Massenmedien schaffen. Online-Petitionen wird eher eine Signalwirkung zugeschrieben, als dass sie tatsächlich etwas veränderten. Viele unterzeichnen sie neben anderem Engagement aber trotzdem noch schnell mit – eben weil der Aufwand gering ist und Bürger_innen sämtliche ihnen zur Verfügung stehenden Kanäle genutzt wissen wollen.

Was motiviert Bürger_innen zum Protest auf der Straße und im Netz, was hält sie von einzelnen Formaten ab?

Straßenprotest

Einigen Menschen bietet bereits das Thema ihres Aktivismus (etwa Umweltschutz) die Garantie, mit anderen Aktiven gut auszukommen. Sie beschreiben, bei Protestaktionen vor Ort stets Gleichgesinnte zu finden. Und noch einen Schritt weiter kann es sogar explizites Ziel sein, durch Offline-Protestaktionen neue Leute kennenzulernen.[4]

Bei Straßendemos oder auch an Infoständen erfahren Aktive eine direkte Resonanz und können eventuelle Ohnmachtsgefühle loswerden. Ihrer Meinung nach vermittelt die Straße eine höhere Dringlichkeit als das Netz, weil die Teilnahme dort größeren Aufwand bedeute. Manche verstehen Straßenprotest sogar als Hilfestellung für die Politik – damit diese wiederum sehen könne, was den Menschen wichtig sei.

Fast alle Befragten dieser Untersuchung[5] empfinden Zugehörigkeit und kollektive Identität (also Gemeinschaftsgefühl) bei gemeinsamen Offline-Protestaktionen, über gemeinsame Ziele und eventuell durch die Erinnerung an frühere Protesterfahrungen (teils in den 1980er Jahren). Sie beschreiben, dass sie kollektive Identität in erster Linie auf der Straße empfunden hätten. Dabei ist auch wichtig, dass es bei Demos oft nötig ist, in Form einer Bezugsgruppe aufeinander aufzupassen oder sogar einer Gefahr, zum Beispiel durch die Staatsgewalt oder Gegendemonstrierende, ausgesetzt zu sein.

Als negative Aspekte von Straßendemonstrationen wird genannt, dass es Missbrauch durch Gewalttäter_innen (zum Beispiel Schwarzer Block) geben könne oder dass man sich grundsätzlich in großen Menschenmengen unwohl fühle.

Netzprotest

Als Vorteile des Internets[6] schätzt man, sich zu vernetzen, über Distanzen hinweg zu kommunizieren, scheinbar unendliche Massen an Informationen zur Verfügung zu haben und andere mobilisieren zu können. Die Einfachheit und der geringe Zeitaufwand sind aus Sicht der meisten Bürger_innen Vorzüge, die zur Unterzeichnung von Online-Petitionen führen. Eine wichtige Einschränkung: Viele unterschreiben nur ausgewählte Petitionen und/oder bloß, nachdem sie sich bei Themen erst tiefer eingelesen haben; oder auch, wenn ihnen die Petition von einer vertrauenswürdigen Person weitergeleitet worden ist.

Gleichzeitig existiert jedoch auch eine Abstumpfung infolge eines Überflusses an Online-Petitionen. Darüber hinaus werden Datenschutzbedenken geäußert (sowohl von sogenannten Digital Immigrants als auch von Digital Natives) sowie eine Angst vor beruflichen Konsequenzen, nachdem man sich im Internet politisch geäußert hat. Ein weiterer Kritikpunkt an Online-Petitionen ist der Vergleich mit Ablasshandel – also der Gedanke, dass Bürger_innen sich durch das Unterzeichnen einen Freibrief verschaffen würden, sich nicht mehr anderweitig einbringen zu müssen.

Das Netz als Ergänzung zur Straße

Explizit auf die Clicktivism-These angesprochen, äußern die meisten Bürger_innen Unverständnis für die Behauptung, Online-Aktivismus halte von Straßenprotest ab; auch das von den Interviewpartner_innen beschriebene individuelle Repertoire an ausgeübten Protestpraktiken stützt diese Meinung. Das Netz wird als wichtige Ergänzung zur Straße verstanden, ein Zusammenhang zwischen Partizipation im Netz und auf der Straße wird nicht vermutet.

Gegensätzlich zu dem teilweise an Organisationen, die viele Online-Beteiligungsmöglichkeiten bieten (beispielsweise Campact), gerichteten Vorwurf, Partizipation zu sehr zu vereinfachen, hat sich bei vielen Interviewpartner_innen das politische Protestengagement sowohl im Netz als auch auf der Straße durch solche Organisationen und Webseiten sogar intensiviert.

Allerdings: Während Online-Aktivismus zwar von vielen geschätzt und oft auch praktiziert wird, scheint er nicht zur Bildung einer kollektiven Identität beizutragen. Die hier interviewten Bürger_innen sagen aus, im Netz kein bzw. kaum Gemeinschaftsgefühl zu empfinden. Online-Aktivismus schafft es nicht, Aspekte von Offline-Engagement zu kompensieren oder vergleichbare Online-Pendants zu erschaffen. Das bedeutet: Auch in Zeiten der Digitalisierung braucht Protest noch ein stark ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl – und dieses entsteht vor allem auf der Straße.

Zusammengefasst: Die Clicktivism-These – also die Behauptung, Online-Aktivismus würde Bürger_innen grundsätzlich faul machen und sei pauschal kein ernst zu nehmender Aktivismus – greift zu kurz und hält der Empirie nicht stand. Bürger_innen nutzen das Internet zwar auf vielfältige Art und Weise, je nach individuellen Fähigkeiten und Motiven; aber sie verstehen es als Ergänzung zur Straße, nicht als Ersatz. Sie hinterfragen kritisch, zum Beispiel beim Thema Datenschutz, und bauen sich nach ganz individuellen Bedürfnissen ihr Praktiken-Repertoire aus Online und Offline zusammen. Aufgrund der Dringlichkeit des Problems wollen sie quasi alles nutzen, was ihnen gerade zur Verfügung steht – und dann natürlich auch solche Möglichkeiten, die nicht viel Zeit beanspruchen und Aufwand bedeuten.

 

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Schwerpunktthema Digitale Beteiligungsprozesse: Mehr Erfahren

[1] Vgl. Morozov, Evgeny: The Net Delusion. The Dark Side of Internet Freedom, New York 2011; Gladwell, Malcolm: Small Change. Why the Revolution will not be Tweeted, in: The New Yorker, 27.09.2010, URL: https://www.newyorker.com/magazine/2010/10/04/small-change-malcolm-gladwell [eingesehen am 12.02.2024]; White, Micah: Clicktivism is Ruining Leftist Activism, in: The Guardian, 12.08.2010, URL: https://www.theguardian.com/commentisfree/2010/aug/12/clicktivism-ruining-leftist-activism [eingesehen am 12.02.2024].

[2] Vgl. Chadwick, Andrew: The Hybrid Media System. Politics and Power, Oxford 2017; Treré, Emiliano: Hybrid Media Activism. Ecologies, Imaginaries, Algorithms, London 2019.

[3] Vgl. Villioth, Lisa: Protest-Aktivist*innen der Umweltschutz-Bewegung im Netz und auf der Straße. Voraussetzungen und Motive für Partizipation, Wiesbaden 2023, S. 307 f.

[4] Vgl. ebd., S. 304 f.

[5] Bei der Auswahl der Interviewpartner_innen wurden vier verschiedene Faktoren berücksichtigt, um ein möglichst breites Spektrum des Protestfeldes abzubilden: Ort des (überwiegenden) Protests, Grad der Organisiertheit, Alter bzw. Dauer des Engagements und Intensität des Engagements. An dieser Stelle ist wichtig anzumerken, dass nicht die Hälfte der Gesprächspartner_innen im Netz und die Hälfte auf der Straße engagiert ist, sondern dass viele Bürger_innen online und offline individuell miteinander kombinieren. Es konnte keine Person für ein Interview gefunden werden, die tatsächlich ausschließlich im Netz und ähnlich der Clicktivism-Theorie dort nur mit schnellen, unverbindlichen und niedrigschwelligen Protestpraktiken engagiert ist.   

[6] Vgl. ebd., S. 444 ff.