Diversitätssensible Medienpädagogik

Theoretische Überlegungen und Reflexionsstrategien für die Praxis

Autor_in:
Prof. Dr. David Kergel ​​​​​​​

Heterogenität oder Diversität?

Menschen sind aufgrund unterschiedlicher sozialer Voraussetzungen unterschiedlich in der Gesellschaft sichtbar. So hängt es u. a. von ihren finanziellen Ressourcen und ihrem Bildungsstand ab, ob und wie sie sich an öffentlichen Diskussionen beteiligen (können).[1]

Aus demokratischer Perspektive ist dies eine Herausforderung, da Meinungen und Bedarfe von benachteiligten sozialen Gruppen schnell aus dem Blick geraten können. Für demokratische Meinungsbildungsprozesse ist die Berücksichtigung der verschiedenen Positionen und Forderungen jedoch unabdingbar.

Dies hat auch Auswirkungen auf die medienpädagogische Arbeit. Die Medienpädagogik muss sich gezielt mit der Unterschiedlichkeit von Menschen und den unterschiedlichen Partizipationsmöglichkeiten auseinandersetzen. Damit alle Menschen bzw. alle sozialen Gruppen gleichwertig an meinungsbildenden Diskussionen in der demokratischen Öffentlichkeit teilnehmen können, müssen ihnen zunächst einmal Diskussions- und Partizipationsräume eröffnet werden. Doch dies genügt nicht: Oftmals können marginalisierte Gruppen erst durch die Möglichkeiten der Partizipation an öffentlichen Diskussionen ein Bewusstsein für ihre eigene soziale und kulturelle Position in der Gesellschaft entwickeln. Statt marginalisierte Akteur_innen also lediglich zu identifizieren und ihnen einen Diskursraum zuzuweisen, gilt es, ihre Selbstformulierung zu fördern. Kurzum: Sie bedürfen auch einer „partizipativen Medienkompetenz“. Eine solche partizipative Medienkompetenz soll im Idealfall Menschen befähigen, sich und ihre Bedarfe zu reflektieren, ihre Meinungen angemessen zu formulieren und dadurch in der demokratischen Öffentlichkeit sichtbar zu werden.

Somit stellt sich für die Medienpädagogik die praxisorientierte Frage, wie sich eine solche partizipative Medienkompetenz vermitteln lässt.

Ein erster Schritt ist die Auseinandersetzung mit der Frage, was eigentlich unter „Unterschiedlichkeit der Menschen in einer Gesellschaft“ zu verstehen ist.

Im Fachjargon haben sich hier vor allem zwei Konzepte etabliert: Heterogenität und Diversität. Doch was unterscheidet diese beiden Konzepte voneinander? Ein differenzierter Blick auf diese beiden Begriffe ermöglicht nicht nur einen reflektierten Umgang mit der unterschiedlichen Ressourcenausstattung von Menschen, sondern gibt auch Aufschluss darüber, wie in unserer Gesellschaft mit der Unterschiedlichkeit von Menschen umgegangen wird: eher heterogenitätsorientiert oder eher diversitätsorientiert?

Der Begriff Heterogenität wurde vor allem in der Schulpädagogik geprägt. In der Grundschule treffen Schüler_innen mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen aufeinander, was für Lehrer_innen eine Herausforderung darstellt – die sogenannte Heterogenitätsherausforderung: Um einen fairen Bildungswettbewerb zu gewährleisten, müssen die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen ausgeglichen bzw. die Lernstände angeglichen werden. Geschieht dies nicht, droht beispielsweise sozial benachteiligten Kindern ein problematischer Start in die Bildungslaufbahn[2]. Heterogenität bezeichnet wertfrei (bzw. beschreibend-klassifizierend) die unterschiedlichen Merkmale bzw. sozialen Zugehörigkeitskategorien von Menschen. „Soziale Zugehörigkeitskategorie“ wiederum meint, dass jeder Mensch Merkmale besitzt, die ihn einer Gruppe zuordnen. So versteht sich ein Mensch beispielsweise entweder als Mann, als Frau oder als nicht-binär.

Bei dem Begriff Diversität hingegen geht es um die „Konstruktion“ von Unterschiedlichkeit bzw. darum, wie Unterschiedlichkeit in einer Gesellschaft wahrgenommen und reflektiert wird. Das Konzept der Diversität zielt darauf, Menschen nicht auf ihre sozialen Zugehörigkeiten zu reduzieren, und möchte ein Denken in Stereotypen verhindern. Verschiedene soziale Gruppen bzw. alle Menschen sind in ihrer Unterschiedlichkeit zu respektieren.[3]

Diversitätssensibles Handeln geht einfühlsam auf die sozialen Zugehörigkeiten von Menschen ein. Im Handeln soll deutlich werden, dass jeder Mensch mehr ist als die Summe seiner sozialen Zugehörigkeitskategorien und in seiner Vielfalt als gleichwertig anzuerkennen ist. Zu einer diversitätssensiblen Haltung gehört zudem eine „strukturelle Dimension“, das heißt, sie berücksichtigt gesellschaftliche Zusammenhänge, die das individuelle Verhalten leiten. So gilt es, soziale Zugehörigkeitsbezeichnungen zu hinterfragen. Die Bezeichnung bzw. soziale Zugehörigkeitskategorie „behindert“ ist beispielsweise defizitorientiert. „Behinderte“ können etwas nicht, was die „Mehrheitsgesellschaft“ kann: Zum Beispiel Menschen, die blind sind, können nicht sehen und gelten daher als „sehbehindert“. Wenn nun jemand einen Menschen, der nicht sehen kann, als „behindert“ bezeichnet, wertet er_sie ihn ab. Nicht, weil er_sie das intendiert, sondern, weil die gesellschaftlichen Strukturen eine solche Abwertung hervorbringen. Diversitätssensibel lässt sich hier aber auch eine eher kompetenzorientierte Perspektive einnehmen: So können sich Menschen, die nicht sehen, anders in der Welt orientieren als Menschen, die sehen. Sie haben also Kompetenzen in anderen Bereichen aufgebaut. Statt als „behindert“ könnte man sie demnach als „andersbefähigt“ bezeichnen.[4]

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Während Heterogenität Unterschiede anhand von sozialen Zugehörigkeitskategorien ordnet und systematisiert, problematisiert eine diversitätssensible Haltung strukturelle Ausgrenzungen, kritisiert soziale Zugehörigkeitskategorien und stellt dagegen die unbedingte – also an keine Bedingungen geknüpfte – Anerkennung der anderen.

Mediale Repräsentation von Diversität

In einem demokratischen System müssen alle Menschen bzw. alle sozialen Gruppen ihre Meinung sichtbar machen können, damit die verschiedenen Positionen in einen Dialog geraten. Auf Grundlage dieses Dialogs können vernünftige Kompromisse gefunden werden.[5] Daher benötigen soziale Gruppen „eine Stimme“ in den Medien. Dies war bzw. ist allerdings keineswegs immer der Fall. So waren in den 1950er Jahren in Diskussionssendungen des bundesdeutschen Fernsehens fast nur „alte weiße Männer“ vertreten.[6] Ein Blick in das „Universum“ von Marvel ergibt ein ähnliches Bild: Die meisten Superhelden sind männlich und weiß.[7] Ein_e transgender Superheld_in of Color scheint nicht marktfähig zu sein.

Für Menschen bzw. soziale Gruppen, die nicht in den Medien vertreten sind, hat sich die Bezeichnung „Stimmlose“ bzw. „Subalterne“ herausgebildet.[8] Das Internet bot Subalternen relativ früh die Möglichkeit, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen und miteinander in Kontakt zu treten. In den 1980er Jahren beispielsweise vernetzten Transgender sich über E-Mail. Im sogenannten Hackermanifest von 1987 schreibt „the Mentor“,[9] dass das Internet ein Platz ohne soziale Zugehörigkeitskategorien sei. Ähnliches postulierte Barlow[10] 1997 in der „Unabhängigkeitserklärung des Internets“, einer Reaktion auf die gesetzliche Regulierung des Internets durch die US-Regierung. Dennoch ist auch dieser mediale Raum weit entfernt von einer gleichberechtigten Teilhabe aller.

Hier offenbart sich somit ein großes Partizipationspotenzial – das aber auch genutzt werden muss. Die Vermittlung einer partizipativen Nutzung des Internets ist daher nicht zuletzt auch eine medienpädagogische Aufgabe bzw. Aufgabe einer diversitätssensiblen Medienpädagogik. Allerdings haben nicht alle Menschen gleichermaßen Zugang zum Internet. Dieses Phänomen wird als digitale Spaltung bzw. Digital Divide bezeichnet. Erschwerend kommt hinzu, dass bildungsnahe soziale Gruppen eher partizipativer im Internet „unterwegs sind“ als bildungsferne Gruppen, die das Internet eher für hedonistische Zwecke nutzen[11] – was als „zweite digitale Spaltung“ bezeichnet wird. Diese zwei Formen des Digital Divide stellen eine Herausforderung für eine diversitätssensible Medienpädagogik dar.

Alles anders, alles verschieden – diversitätssensible Medienpädagogik

Stärker noch als gedruckte Medien und Film ermöglichen digitale Medien eine partizipative Nutzung: Mit dem Smartphone können Medieninhalte schnell erstellt, ins Internet hochgeladen und kommentiert werden. Digitale Medien eignen sich für eine handlungs- und produktionsorientierte Medienpädagogik.[12] Dabei setzen sich Menschen aktiv mit Medien auseinander und erstellen ein Produkt.[13] Dieses handlungs- und produktionsorientierte Potenzial digitaler Medien eröffnet auch Möglichkeiten für eine diversitätssensible Medienpädagogik sowie für die Vermittlung einer diversitätssensiblen Medienkompetenz. Medienkompetenz ist ein zentrales Ziel der Medienpädagogik und bezeichnet die Fertigkeiten und Fähigkeiten, die einen souveränen Umgang mit Medien ermöglichen. Eine diversitätssensible Medienkompetenz zeichnet sich zum Beispiel dadurch aus, dass Menschen mittels des bestehenden Medienangebots diversitätssensibel und kritisch über diese Welt nachdenken und sich via Mediennutzung in diese Welt einbringen. Darüber hinaus praktiziert und fördert eine diversitätssensible Medienkompetenz einen kritischen Umgang mit der medialen Darstellung sozialer Zugehörigkeitskategorien. Um eine solche kritische diversitätssensible Sicht medienpädagogisch zu fördern, lassen sich folgende Fragen erörtern:

  • Wie wird Verschiedenheit in den Medien dargestellt?
  • Wo und wie werden in den Medien Stereotype produziert und reproduziert?

Neben kritischer Reflexion soll eine diversitätssensible Medienpädagogik vermitteln, dass die Welt nicht einfach hingenommen werden muss, wie sie ist, sondern auch verändert werden kann. Ein Beispiel ist das Boston Women’s Health Collective in den 1960er/1970er Jahren.[14] Damals waren die meisten Frauenärzte männlich und fühlten sich einer „Solidarität unter Männern“ verpflichtet. Wenn sich zum Beispiel die Ehefrau durch einen Seitensprung ihres Ehemannes mit einer sexuell übertragbaren Krankheit angesteckt hatte, wurde ihr dieses Wissen nicht selten vorenthalten. Das Boston Women’s Health Collective erarbeitete sich medizinisches Wissen über den Frauenkörper und publizierte diese Kenntnisse 1970 in dem Buch „Our Bodies, Ourselves“. Ein solches Publikationsprojekt ließe sich heute mithilfe digitaler Medien sicherlich um einiges einfacher umsetzen.

Medienpädagog_innen müssen somit digitale Kommunikationsräume schaffen, in denen Menschen ermutigt werden, über ihre Bedarfe zu sprechen; auf dieser Basis lassen sich gemeinsam Projekte entwickeln und umsetzen. Ein aktuelles Beispiel, (digitale) Medien zur Selbstermächtigung einzusetzen und darüber eine diversitätssensible mediale Präsenz zu schaffen, stellt das Projekt „Wheelmap“ dar: „Wheelmap“ ist eine weltweite Online-Karte zum Auffinden und Markieren von rollstuhlgerechten Orten (URL: https://wheelmap.org). Die Karte ist online sowie als App verfügbar. Nutzer_innen können Orte, die nicht rollstuhlgerecht sind (zum Beispiel U-Bahn-Zugänge ohne Aufzug), anhand eines Ampelsystems markieren. So können Rollstuhlfahrer_innen gezielt durch die Gegend navigieren und ihre Wege so planen, dass sie Hindernisse umfahren. Dem Stigma der Behinderung kann so im Alltag zumindest in Ansätzen begegnet werden. Zentrales Element von „Wheelmap“ ist die kollaborative Erstellung der Karte von vielen Nutzer_innen zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten und für unterschiedliche Orte. So lassen sich beispielsweise problematische Zugänge in Duisburg direkt vor Ort oder auch von New York aus markieren. Für diese Form des kollaborativen Arbeitens scheinen digitale Medien prädestiniert.

Vor diesem Hintergrund zeichnet sich eine diversitätssensible Medienkompetenz vor allem durch zwei Dimensionen aus:

  • eine kritische Auseinandersetzung mit der medialen Repräsentation von sozialen Zugehörigkeiten, 
  • einen partizipativen gestalterischen Umgang mit Medien, um die eigene Sicht auf die Welt dialogisch zu formulieren und darüber an Diskussionen teilzunehmen.

Die medienpädagogische Vermittlung dieser zwei Dimensionen einer diversitätssensiblen Medienkompetenz bietet auf individueller Ebene die Möglichkeit, sich vom Zustand der Subalternität zu emanzipieren. Über die digitale Kommunikation lässt sich zudem der Diskussionsraum, der so wichtig für die demokratische Konsensfindung ist, ausweiten. Und von beidem profitiert schließlich auch die demokratische Öffentlichkeit.

Literaturtipp

Kergel, David: Kulturen des Digitalen. Postmoderne Medienbildung, subversive Diversität und neoliberale Subjektivierung, Wiesbaden 2018.

Quellen

[1] Kergel, David/Heidkamp, Birte: E-Inclusion – Diversitätssensibler Einsatz digitaler Medien. Überlegungen zu einer bildungstheoretisch fundierten Medienpädagogik, Bielefeld 2018.

[2] Vgl. Walgenbach, Katharina: Heterogenität – Intersektionalität – Diversity in der Erziehungswissenschaft, Opladen 2014, S. 16 ff.

[3] Degele, Nina: Gender/Queer Studies, Paderborn 2008, S. 159.

[4] Vgl. Kergel, David/Heidkamp, Birte: E-Inclusion – Diversitätssensibler Einsatz digitaler Medien. Überlegungen zu einer bildungstheoretisch fundierten Medienpädagogik, Bielefeld 2018.

[5] Auf diesen Aspekt hat der Philosoph Immanuel Kant bereits in seiner berühmten Schrift „Antwort auf die Frage ‚Was heißt Aufklärung‘“ von 1784 hingewiesen. Auch bei einflussreichen Denker_innen wie bei Kant, der wichtige Beiträge zu einem modernen Demokratieverständnis geleistet hat (vgl. Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied 1971), lassen sich allerdings Vorurteile und ein Denken erkennen, weshalb sich die Frage stellt, ob „Kant ein Rassist“ gewesen ist. Siehe dazu exemplarisch Willaschek, Marcus: Kant war sehr wohl ein Rassist, in: Faz.net, 15.07.2020, URL: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/warum-kant-sehr-wohl-ein-rassist-gewesen-ist-16860444.html [eingesehen am 02.12.2020]. Hier wäre auch zu fragen, inwiefern Denker_innen wie Kant durch einen strukturellen Rassismus in der Gesellschaft selbst zu problematischen Annahmen und Äußerungen gelangen.

[6] Vgl. Stalder, Felix: Kultur der Digitalität, Frankfurt a. M. 2016.

[7] Eine Ausnahme wäre der Superheld Black Panther, der seit Mitte der 1960er Jahre die Reihe der Marvel-Superheld_innen ergänzt.

[8] Vgl. Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien 2008.

[9] Loyd Blankenship (* 1965) alias ‚the Mentor‘ ist ein ehemaliger Computerhacker und Schriftsteller. Unter dem Hacker-Pseudonym „The Mentor“ war Blankenship seit den 1970er Jahren u. a. als Mitglied der Hackergruppen Extasyy Elite und Legion of Doom aktiv.

[10] John Perry Barlow (1947–2018) war ein amerikanischer Dichter und Internetaktivist, der sowohl mit der Demokratischen als auch mit der Republikanischen Partei in Verbindung gebracht wurde. Unter anderem war Barlow auch Texter für die Grateful Dead sowie ein Gründungsmitglied der Electronic Frontier Foundation und der Freedom of the Press Foundation, einer NGO, die für Grundrechte der Menschen im Zeitalter des Internets eintritt.

[11] Vgl. Kergel, David/Heidkamp, Birte: E-Inclusion – Diversitätssensibler Einsatz digitaler Medien. Überlegungen zu einer bildungstheoretisch fundierten Medienpädagogik, Bielefeld 2018.

[12] Medienpädagogik setzt sich in Theorie und Praxis mit Medienwelten und deren pädagogischen Dimensionen auseinander.

[13] Vgl. Fleischer, Sandra/Hajok, Daniel: Einführung in die medienpädagogische Praxis und Forschung. Kinder und Jugendliche im Spannungsfeld der Medien, Weinheim 2016.

[14] Boston Women’s Health Collective: Women and their Bodies, A Course

, Boston 1970; Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied 1971. Das Boston Women’s Health Book Collective war eine feministische Gruppe, die sich emanzipativ mit dem weiblichen Körper auseinandersetzte. Ausgangspunkt war ein Workshop „Women and Their Bodies“, an dem zwölf Frauen im Alter von 23 bis 39 Jahren teilnahmen. Der Workshop führte zu der Veröffentlichung des Buches „Our Bodies, Ourselves“. Das Buch ist kostenlos im Internet abrufbar unter URL: www.ourbodiesourselves.org/cms/assets/uploads/2014/04/Women-and-Their-Bodies-1970.pdf [eingesehen am 02.12.2020].