Fake News im digitalen Zeitalter

Von unverhältnismäßiger Aufmerksamkeit bis zur bewussten Manipulation von Informationen

Sie können uns – mal ganz offenkundig und mal unterschwellig – überall begegnen, sei es in den Sozialen Medien, in der Dorfkneipe oder auf der Familienfeier: Fake News („Falsche Nachrichten“). Den Unterschied zwischen wahr und falsch, zwischen Fakten und Lüge zu erkennen, fällt den meisten Menschen im ersten Moment jedoch sehr schwer – sind Fake News doch häufig als seriöse Nachrichten getarnt. Daher braucht es bereits früh einen kritischen Umgang mit Medien und Informationen; denn nur dann ist man selbst in der Lage, Fake News zu erkennen, wenn sie einem begegnen.

Doch was genau sind eigentlich Fake News? Eine einheitliche Definition gestaltet sich schwierig. Frei übersetzt bedeutet Fake News „gefälschte Nachrichten“. Diese Übersetzung lässt jedoch einige Fragen offen: Ist zum Beispiel schon eine versehentliche Falschmeldung Fake News? Oder braucht es dazu eine böswillige Intention? Ist die Intention überhaupt relevant?

Der US-amerikanische Professor für Politik, Kommunikation und Information am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Ethan Zuckerman, unterscheidet drei verschiedene Arten von Fake News: Nachrichten, denen unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit zugeschrieben wird, Propaganda und gezielte Desinformation.[1] Aber was unterscheidet diese Formen voneinander?

Bei Nachrichten, denen unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, handelt es sich per se erst einmal nicht um „falsche“ Nachrichten. Vielmehr bemisst sich die Einstufung als Fake News an der Relevanz, die dem Thema bzw. der Meldung zugesprochen wird. Die Betonung liegt in diesem Fall auf „News“. Es handelt sich dabei also um wahre, häufig brisante Nachrichten und Themen, die jedoch nicht so viel Aufmerksamkeit verdienen, wie sie erhalten. Ein Beispiel dafür ist die Berichterstattung im US-Wahlkampf 2016 über die Veröffentlichung der E-Mails der Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, durch russische Hacker. Der folgende Medienwirbel galt mitunter als entscheidender Grund für das Wahlergebnis. Problematisch an diesem eigentlichen „Nicht-Skandal“ der veröffentlichten E-Mails waren weniger etwaige Unwahrheiten als vielmehr eine falsche Gewichtung oder Balance in der Berichterstattung der Medien, um einen Ausgleich zu den vorangegangenen Trump-Skandalen zu schaffen.[2]

Bei Propaganda steht nach Zuckerman die Vermischung von wahrheitsgemäßen und falschen Informationen im Zentrum. Diese Art von Fake News lässt sich häufig in politischen Kampagnen und Wahlkämpfen finden. Es geht politischen Akteur_innen, z. B. Parteien oder Kandidat_innen, vor allem darum, die eigenen Positionen zu stärken und direkte Gegner_innen zu schwächen. Ein klassisches Beispiel für diese Form von Fake News aus der jüngeren Geschichte ist die Desinformationskampagne der englischen Brexiteers im Vorfeld des Brexits. Mit Lügen, Fake News und der Zurückhaltung von Informationen nahmen die Brexit-Befürworter_innen Einfluss auf die Bürger_innen des Landes. So stellt ein zentrales Argument der Brexit-Kampagne der Slogan „Wir schicken der EU jede Woche 350 Millionen Pfund“ dar und die damit einhergehende Forderung dieses Geld besser in den nationalen Gesundheitsdienst NHS zu investieren. Diese Summe lässt sich praktisch jedoch nicht belegen. Bereits einen Tag nach dem Referendum distanzierten sich führende Brexiteers von dieser Aussage und sie wurde von der Webseite der Vote-Leave-Kampagne gestrichen.[3] Hier zeigt sich, wie an sich wahre, jedoch unvollständige Aussagen im Zusammenspiel mit dem Zurückhalten wichtiger Informationen dazu beitragen können, die eigene politische Position zu stärken und Gegner_innen zu diskreditieren bzw. zu schwächen.

Bei gezielter Desinformation geht es Zuckerman zufolge nicht um die Stärkung oder Schwächung bestimmter politischer Positionen, sondern vielmehr um das ganze System und dessen Glaubwürdigkeit als solches. Mit gezielter Streuung von falschen und irreführenden Texten, Bildern und Videos soll das Informationssystem destabilisiert werden. Die Bürger_innen sollen in die Irre geführt und verunsichert werden, sodass sie am Ende nicht mehr wissen, was sie glauben sollen.

Diese Art von Desinformationspolitik untergräbt notwendigerweise das Vertrauen in die Qualität der Informationen und erzeugt gesellschaftliche Spannungen, die sich beim Aufeinandertreffen unterschiedlicher Informationen und Ansichten entladen. Um sich jedoch eine klare Meinung bilden zu können, braucht es gesicherte Informationen, die frei von jeglicher Manipulation sind. Diese Manipulation kann ganz unterschwellig daherkommen, bspw. bereits bei der jeweiligen politischen Ausrichtung einer Redaktion beginnen. Daher erfordert der Umgang mit Informationen – auch von seriösen und allseits akzeptierten Medien – eine geschulte Medienkompetenz, um feine Unterschiede in der Berichterstattung wahrnehmen und einordnen zu können.

Fake News sind kein neues Phänomen – so ist etwa die Geschichte des Römischen Reiches durchzogen von einer Vielzahl von Fake News, die teils über Aufstieg und Fall der mächtigsten Herrscher_innen entschieden. Durch das Internet und die Sozialen Medien haben Fake News allerdings ein völlig neues Ausmaß angenommen. Jede_r User_in kann hier in Berührung mit Fake News kommen – sei es als Rezipient_in oder gar als Sender_in. Mit einem unbedachten Klick kann die Nachricht bereits mit hunderten Menschen geteilt werden.

Je komplexer die Welt wird, je mehr Informationen uns täglich zugänglich sind, desto größer wird der Wunsch nach einfachen Erklärungen und monokausalen Zusammenhängen[4] – und einen umso fruchtbareren Nährboden finden Fake News für ihre Verbreitung. Diesen Bedarf an simplen Antworten nutzen Verbreitende von Fake News, indem sie politisch aufgeladene Behauptungen und „Erklärungen“ in die Welt setzen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Fake News sind erwiesenermaßen ein funktionales Mittel, um auf bestimmte Ziele hinzuwirken und die Öffentlichkeit in diese Richtung zu beeinflussen.

Doch wo unterscheiden sich Fake News nun von echten Nachrichten? Wer profitiert durch die Verbreitung von Fake News? Und welche Intentionen und Motive werden mit ihnen verfolgt? Die Gründe, warum jemand bewusst Fake News verbreitet, sind vielfältig – etwa aus politischem Kalkül, zur Stimmungsmache oder auch aus finanziellen Motiven. Entscheidend ist der Vorsatz! Im journalistischen Alltag und unter Zeitdruck hat sich schnell mal ein Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen oder eine Quelle wurde nicht richtig gecheckt – aber sind das Fake News? Nein! Hinter Fake News verbergen sich persönliche, oft eigennützige Motive – egal, ob politischer oder wirtschaftlicher Natur. Mal will eine Person bloß provozieren und Diskussionen auslösen, mal will sie die politische Stimmung in eine bestimmte Richtung lenken. Heutzutage steht hinter Fake News sogar ein ganzer Wirtschaftszweig, der finanziell von ihrer Verbreitung profitiert. Besonders reißerische Nachrichten werden häufiger geklickt; und hinter jedem Klick verbergen sich lukrative Online-Werbeflächen, die sich die Betreiber_innen von den entsprechenden Webseiten gut bezahlen lassen.

In Zeiten von Globalisierung, weltweiter Unsicherheit – etwa durch Pandemien oder wirtschaftliche Krisen –, Sozialer Medien und eines unregulierbaren Informationsaustausches sind Fake News Bestandteil des Alltags geworden – manchmal erkannt, häufig unbemerkt. Manipulierte Informationen – ob als Text, Bild, Audio oder Video – sind so allgegenwärtig geworden, dass sie häufig gar nicht mehr als solche identifiziert werden. Sie werden als Wahrheit begriffen, in den Sozialen Medien geteilt und in das eigene Weltbild integriert. Gleichzeitig lebt die Demokratie von offenen Debatten, Meinungsfreiheit und kulturellem Austausch. Grundlage all dessen ist der Zugang zu gesicherten Informationen, um sich im Meinungsbildungsprozess frei informieren und eine eigene Meinung bilden zu können. Fake News stellen folglich eine große Herausforderung für die Demokratie und das gesellschaftliche Zusammenleben dar, der begegnet werden muss.

Hier setzt der Workshop zum Thema Fake News an: Wie kann ich Fake News erkennen? Woher stammen Nachrichten? Wie kann man ihren Wahrheitsgehalt bestimmen? Die Teilnehmenden lernen einen kritischen und selbstbestimmten Umgang mit Medien und können mithilfe der erlangten politischen Medienkompetenz Nachrichten einordnen und politische Teilhabe umsetzen.

Workshop-Konzept

Ziel des Workshops ist es, den Teilnehmenden zu vermitteln, was im Kern der netzpolitischen Debatte rund um Uploadfilter steht. Der Workshop wird eingeleitet durch ein kurzes Warmup und ein thematisches Intro mit einem Video, das verschiedene Positionen zu Uploadfiltern gegenüberstellt. Im Zentrum des Workshops steht eine Fishbowl-Diskussion, in der die Teilnehmenden in vordefinierte Gruppen schlüpfen und damit unterschiedliche Positionen zu Uploadfiltern in der Diskussion vertreten, die sie vorab recherchiert haben. Als Ergebnis des Workshops kennen die Teilnehmenden den aktuellen Stand der politischen Debatte rund um Uploadfilter und konnten sich aktiv mit den Pro- und Contra-Argumenten auseinandersetzen. Sie kennen mögliche Auswirkungen auf ihre eigenen Aktivitäten im digitalen Raum, konnten eine Haltung zu diesem Thema entwickeln und kennen Möglichkeiten, sich (zu diesem oder anderen Themen) netzpolitisch zu engagieren.

Durchführungshinweise

Dauer:
2–2,5 Stunden
Gruppengröße:
10–30 Teilnehmende
Altersgruppen:
Ab ca. 14 Jahren
Vorbereitung:
Zur ausführlichen Vorbereitung bedarf es ca. 2 Stunden Einarbeitung in den Ablauf, die Materialien und die Tools. Die Einarbeitungszeit ins Thema hängt vom Vorwissen der Moderation ab. 
Varianten:
Präsenz-Workshop: Diese Variante ist vermutlich die am häufigsten gewählte. Hier kommen Multiplikator_in und Teilnehmer_innen in einem Raum zusammen und arbeiten in einem klassischen Workshopformat, welches jedoch durchaus von digitalen Tools gestützt werden kann.
Digitaler Workshop: Es ist auch eine ortsunabhängige, rein digitale Durchführung mittels Webinar- oder Webkonferenz-Software möglich. Hinweise zur digitalen Umsetzung, den damit verbundenen Herausforderungen und geeigneten Tools enthält der Service-Bereich. Der Ablaufplan orientiert sich im Folgenden an einer Durchführung als Präsenz-Workshop.

Ausstattung & Material

Der Workshop kann je nach Interesse, Vorkenntnis des_der Multiplikator_in und der Teilnehmer_innen sowie Zielsetzung eher klassisch in analoger Form oder digital mit Online-Tools (z. B. für Abstimmungen, kollaboratives Arbeiten, Wissensaustausch und Dokumentation) durchgeführt werden. Dazu gibt es innerhalb des Ablaufplans jeweils Hinweise unter dem Stichwort digitale Variante. Weiterführende Informationen zu den Tools finden Sie im Service-Bereich.

Empfohlen wird ein Mix aus analogen und digitalen Methoden, sodass methodische Abwechslung entsteht. Eine digitale Dokumentation der Arbeitsergebnisse ist insbesondere dann besonders hilfreich, wenn im Nachgang dieselben oder andere Teilnehmer_innen noch weiter an den Ergebnissen arbeiten sollen oder eine Veröffentlichung der Ergebnisse geplant ist.

Analoge Ausstattung

  • Flipchart/Pinnwand
  • Stifte
  • Klebezettel

Digitale Ausstattung

  • Internetverbindung
  • Beamer/digitales Anzeigegerät
  • Lautsprecher
  • Digitale Endgeräte

Optional zur Ergebnissicherung:

  • Kamera oder Smartphone
  • Stativ
  • Ggf. Mikrofone

Online-Tools

Quellen

[1] Siehe Zuckerman, Ethan: Fake News is a red herring, in: DW, 25.01.2017, URL: https://www.dw.com/en/fake-news-is-a-red-herring/a-37269377 [eingesehen am 17.07.2021].

[2] ebd.

[3] Siehe Zastiral, Sascha): Die Lüge, mit der der Brexit begann, in: Spiegel.de, 02.02.2019, URL: https://www.spiegel.de/wirtschaft/brexit-und-nhs-die-luege-mit-der-der-eu-austritt-begann-a-1251096.html [eingesehen am 23.09.2021].

[4] Vgl. Gensing, Patrick: Fakten gegen Fake News oder Der Kampf um die Demokratie, Bonn 2020, S. 160.